Eine chinesische Legende

Geschrieben von Anu Sanna Endler und Axl  Eve
Gesprochen von Axl Eve
Eine chinesische Legende oder „Die Hexenmeisterin von Shandong“

Vor vielen Jahrhunderten, als noch der große Kaiser Quin Shihuangdi, der erste erhabene Gottkaiser von Quin, in der großen Stadt Xi’an über sein riesiges Reich herrschte, war die Region Shandong bereits weithin bekannt. Die heiligen Berge auf der Shandong-Halbinsel, die als jene Orte galten, an denen man dem Himmel und den Göttern am nächsten sein konnte, wurden oft auch vom Kaiser besucht. Auf den Gipfeln ließ er Erdaltäre aufschütten und betete. Überliefert ist, dass der Kaiser auf dem Tai Shan das Feng-Opfer zu Ehren des Himmels und auf dem Liang-fu das Shan-Ritual zu Ehren der Erde zelebrierte. Während des Abstieges vom letztgenannten Berg wurde der kaiserliche Reisezug von einem Sturm überrascht, und Qin Shihuangdi sah sich gezwungen, unter einem Baum Schutz zu suchen.

Der Sturm war jedoch kein normales Wetterereignis. Er wurde hervorgerufen von einer mächtigen und bösen Hexe, die in diesen Bergen schon seit vielen Jahren ihr Unwesen trieb. Ihr Name war Yao Shushi und sie hatte im Laufe ihres endlosen Lebens eine außerordentliche magische Macht erreicht. In dieser Sturmnacht suchte sie den Kaiser heim.

Sie flog auf dem Wind durch die Nacht, umgeben von Donner und Regen, sand Blitze herab auf den Kaiser und seine Leibgarde. Die Hexe wollte dem Kaiser damit angemessenen Respekt für ihre Macht abringen, so dass er ihr künftig huldige und sich unterwerfe. Quin Shihuangdi versammelte sich mit den mutigsten Wachen und erfahrensten Schamanen seiner Entourage unter einem großen Baum am Fuß des Berges, in dem ein alter gütiger Geist, genannt Guai, wohnte. Von Yao Shushi geschleuderte Blitze zuckten hernieder und prallten vom unsichtbaren Schutze ab, den Guai um den Baum errichtet hatte. Die Schreie, Flüche und magischen Zaubersprüche der Hexe hallten zwischen den dunklen Bergen laut hin und her. Der Kaiser und seine Untergebenen waren von Angst erfüllt, doch der Geist Guai und die erfahrenen Schamanen des Quin hielten den stetigen Angriffen der Yao stand.

 

Als die Hexenmeisterin sich so verausgabt hatte, dass selbst ihre schier unerschöpflich scheinenden magischen Kräfte zur Neige gingen, holten die Schamanen des Kaisers zusammen mit dem Guai zum Gegenschlag aus. In einem großen Ritual mit mantrischen Gesängen, Gebetsglöckchen und vielerlei

magischen Formeln gelang es ihnen die Hexenmeisterin Yao Shushi vom Himmel zu holen und schließlich zu bezwingen.

 

Kaiser Quin Shihuangdi befahl seinen Leuten den Tod der Hexe, da er Angst vor ihrer Macht und Bösartigkeit hatte. Dies war jedoch aufgrund ihrer großen Zaubermacht und der dadurch fast erlangten Unsterblichkeit nahezu unmöglich. In langen Ritualen und unter Verwendung von komplizierten Bannflüchen gelang es den Zauberern des Kaisers Yao Shushi zu enthaupten. Um zu verhindern, dass ihre Zaubermacht je wieder genutzt werden konnte und damit auch eine befürchtete Wiederauferstehung riskiert würde, wurde der Kopf der Hexenmeisterin mit Hilfe von Zauberformeln in seine Bestandteile zerlegt. Die Knochen des Schädels wurden zu feinem weißen Pulver zermahlen, das Blut getrocknet und zu Staub zerrieben und ihre Seele gefroren und zerstoßen. Drei metallene Glocken des ursprünglichen Rituals wurden zu kleinen Gefäßen geschmiedet, mit magischen Zeichen und Bannsprüchen versehen. Dann wurden die drei verschiedenen pulvrigen Reste der Hexenmeisterin je in eins der metallenen Fläschchen gefüllt und diese fest verschlossen. Damit niemand in Versuchung gerate, die Macht der Yao Shushi jemals wieder zu nutzen, sollten die drei kleinen Gefäße weit voneinander weggebracht werden. Drei kaiserliche Boten machten sich auf den jeweils weiten Weg. Ein Fläschchen wurde über die lange Seidenstraße bis nach Europa gebracht. Das zweite Gefäß wurde auf eine große, wenig besiedelte Insel vor dem chinesischen Festland gebracht. Die dritte Metall-Phiole fand ihren Weg über das Meer zu einer kleinen Insel vor dem nordamerikanischen Kontinent. Dort ließ sich der Bote in einem moorigen Waldstück inmitten des Stammes der Hawakani nieder und schrieb diese Legende auf. Die Spur der zwei anderen metallenen Fläschchen hat sich über die Jahrhunderte verloren. Das dritte jedoch, das die Seele der Yao Shushi enthalten soll, befindet sich angeblich immer noch auf Hawakani Island und ist inzwischen im Besitze mächtiger Hexen, die auch die Seelensaugerinnen genannt werden.

 

Die Legende besagt, dass jedes kleine Gefäß für sich nur ein wenig mächtiges Schutzamulett darstellt. Sollten jedoch alle drei Metall-Phiolen vereint werden, würden sich zauberkundige Wesen darauf verstehen, die ganze Macht der alten Hexenmeisterin heraufzubeschwören und nutzbar zu machen. Dazu müsse man mit dem blauen Pulver der Seele den Namensstempel der Yao Shushi auf die Stirn malen. Sodann müsse das pulverisierte Blut mit der Zunge aufgenommen werden und das Knochenmehl über die Nase in den Kopf gesaugt werden. Drei spirituelle Menschen sollen das ganze Ritual über ständig wiederholend das Mantra „Shushi Sha Sho Shushi“ rezitieren. Nur so ließe sich die Zaubermacht wiederherstellen. Ob das tatsächlich so ist, lässt sich wohl nur schwer herausfinden. Denn wer traut sich schon ins Taboo-Moor, um die Hexen nach dieser alten Legende oder gar der Metall-Phiole mit der Seele der Yao Shushi zu fragen...