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Welche Regeln gibt es beim Sex?

Oder beim Tanzen?

 

Wenn du auf die Tanzfläche gehst, brauchst du dann genaue Regeln? Und einen Schiedsrichter, der die Regeln kontrolliert?

 

Bei einem Spiel, bei dem wir gewinnen wollen, brauchen wir das. Aber beim Tanzen oder beim Theater nicht, oder? Für uns ist Larp – auch Larpkampf – eher wie Tanzen. Wie freies Spiel. Nicht Spielen, um zu gewinnen.

 

Wir werden manchmal kritisiert: „Ihr habt ja gar kein Regelwerk!“

 

Stimmt!

 

Okay, es gibt Grund-Prinzipien beim Tanzen. Als Tänzer gehst du mit einer bestimmten Einstellung heran. Du möchtest, dass es deiner Partnerin oder deinem Partner gut geht. Er/Sie soll sich gut fühlen und Spaß haben! Wozu sollen wir erwähnen, dass wir der Partnerin nicht auf die Füße treten sollen?

 

Wenn du empathisch bist, ist dir klar, dass den meisten Menschen harte Schläge auf den Kopf eher unangenehm sind.

 

Hö? Bei den Tollgund-Kämpfen sind doch Kopftreffer erlaubt? Klar, weil du ja nicht volle Möhre draufballerst. Dein Ziel ist es ja, dem anderen Spaß zu bereiten! Du möchtest, dass sich der andere gut fühlt. Also, wirst du ihn MINDESTENS nicht verletzen wollen.

 

Wir haben keine exakten Regeln oder zählen Punkte - Erbsenzähler und Besserwisser werden bei uns keinen Spaß haben.

 

Wir legen unseren Fokus auf unsere Werte. Und auf die Einstellung aller Teilnehmer. Dafür bieten wir vor dem Spiel einige Workshops an. Dafür drehen wir viele Videos.

 

Na gut, einige Regeln haben wir schon – aber das sind nur System-Regeln. Zum Beispiel die 3er Regel:

 

Sagen wir, du gehst mit zwei weiteren Gefährten in den Wald und siehst einen Phalwarg – halb Ork, halb Troll. Der Phalwarg scheint etwas zu vergraben. Ihr schleicht euch heran, um zu sehen, was er verbuddelt. Plötzlich schreit er auf! Er hat weiter hinten im Wald eine anderen Spieler Gruppe entdeckt. Diese bekommen große Augen und ergreifen die Flucht, als sie sehen, dass die Bestie losrennt. Ihr schleicht Euch vorsichtig näher und hofft, dass der Phalwarg vorerst abgelenkt ist…

 

Stell dir dein Gefühl vor – oder auch das, der anderen 3er Gruppe. Obwohl es nicht einmal zum Kampf kommt, bleibt die Waldszene spannend.

 

Und jetzt stell dir vor, 10 Spieler wären gemeinsam in den Wald gegangen. Die gesamte Szene wäre viel weniger spannend gewesen.

 

Wenn jetzt die 10 Spieler große Schilde mitgebracht hätten (vielleicht noch gerüstet sind), wird es noch weniger spannend. Die Spieler fühlen sich jetzt sicher, und würden den einzelnen Phalwarg wegmoschen. Je stärker die Spieler, desto weniger Spannung im Wald - desto mehr NSC müssten im Wald sein, um halbwegs Aufregung in die Szene zu bekommen.

 

Wir glauben, dass alle Beteiligten – auch die NSC – viel mehr Spaß haben, wenn die Charaktere der Spieler wenig Power haben.

 

Unsere System-Regeln haben nur einen Zweck: Wir wollen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass tolle Szenen entstehen können. Wir möchten das Spielpotential voll ausschöpfen!

 

Die System-Regeln verringern die Power der Spieler: Nur zu dritt in den Wald, nachts mit Laterne, keine Rüstung, keine Schilde und keine Zauberer…

 

Entscheidender ist jedoch die Einstellung der Spieler:

 

Spielt man einen erfahrenen und super mutigen Krieger, wird man sich auf seine eigene Angst nicht einlassen. Daher verzichten wir bewusst auf Kapitäne, Elfen und Paladine. Super Helden sind cool: Captain Amerika und He-Man weinen nicht. Worum geht es beim Larp?

 

Emotionen und tolle Szenen. Gänsehaut-Momente.

 

Okay, du hast Recht, 100 Super Helden haben gemeinsam auch tolle Emotionen: Gemeinschaft, Sieg, Durchhalten, epische Momente.

 

Allerdings können Super Helden nur schwerlich den GANZEN Blumenstrauß an Emotionen bekommen. Extreme Adrenalin Shots, Furcht und Panik, Grusel, tiefe Trauer, Verzweiflung, Freue und wilde Feiern… empfinden wir leichter, wenn wir keine Rüstung tragen. Vor allem, wenn wir in eine Rolle mit Schwächen schlüpfen.

 

Hinzukommt, dass wir ja nicht allein spielen – wie in einem PC Spiel. Alle Szenen sind ja nicht nur für uns, sondern immer mit vielen verbunden. Wenn du einen Char spielst, der Angst, Trauer oder Freude zeigt, bereicherst du mehr das Spiel der anderen. Ein Hochelf oder ein Veteran wird auf einer Feier eher nicht ausgelassen feiern – das erlaubt ihm seine Rolle nicht. Bei einer Beerdigungs-Szene werden Superhelden wahrscheinlich eher nicht so sehr ihre Trauer zeigen.

 

Es geht auch um Raum geben. Kennst du das? Du gehst auf einen Larp und es gibt gleich mehrere Anführer, die super erfahren sind und alles zu wissen scheinen. Einer davon funktioniert gut – aber mehrere davon bringen im Larp weniger schöne Spielszenen.

 

Unsere Systemregeln sind für uns nicht neu – nur die Welt Tollgund ist neu. Wir experimentieren mit den Regeln schon seit 15 Jahren. Seit 8 Jahren verzichten wir auf PowerGamer und spielen mit der 3er- und der Lichtregel. Durch den Verzicht ergaben sich unglaublich schöne Spielmomente. Ein Spieler meinte einmal:

 

„Der größte Kick bei Euch ist, ich kann einfach in den Wald oder in die Unterstadt gehen – ohne vorher der Orga Bescheid zu sagen. Und ich finde immer etwas. Und ich erlebe fast immer eine kranke Scheiße!“

 

Wenn wir Orga das hören, bekommen wir einen Kick. Darum machen wir das: Je mehr tolle Spielszenen unsere Spieler erleben, desto glücklicher sind wir!

 

Heiko

 


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